Die wachsende Achtsamkeit im reinen Beobachten wird den Menschen empfänglich machen für die Belehrung, die aus den Dingen selber kommt. Dann werden die kleinen Dinge des Alltags und die einfachen, vertrauten Vorgänge in der Natur zu Lehrern tiefer Weisheit werden.

                                                                                    Nyanaponika

 

Yoga-Matinée: Geleitete Meditation und Philosophie

 

Datum: Samstag, 5. September 2020,   9.15 – 11.30 Uhr

Ort:  Lindenrain 1a , 3012 Bern

Teilnehmer: Für Neu-Einsteiger und Erfahrene, auch Nicht-Kursteilnehmer willkommen

Kosten: Fr. 20.--

Leitung und Anmeldung: Robert Jordi, Brunnmattstrasse 71, 3007 Bern

Tel: 031 302 87 37  e-mail: rjordi@vtxmail.ch

 

Zweiter Teil: Ueber die Uebung

Zweiter Teil: Über die Praxis: Sich vom Leiden lösen (Sutren 2.15 - 2.17)

       

Sutra 2.17

 

Die Verbindung des Sehers mit dem Gesehenen (ist) die Ursache des zu vermeidenden (Leids)                                                              Dr. Jayadeva Yogendra                                                                                                                                     

Oder:–

„Die Identifikation des Subjekts (drastr) mit dem Objekt (drsyah) ist die Leidensursache (hetuh) und soll vermieden (heya) werden.“

 

 

द्रष्टृदृश्ययोः संयोगो हेयहेतुः

draṣṭṛdṛśyayoḥ saṁyogo heyahetuḥ

 

draṣṭṛ     = der Sehende, der Wahrnehmende, das Selbst
dṛśyaḥ    = das Gesehene, Erfahrene, Sichtbare
saṁyoga = Vereinigung, Verbindung, Zusammenhang
heya        = was vermieden werden soll, lassen, meiden
hetuḥ       =  Ursache, Mittel

 

 „Wir beschäftigen uns mit technischen Büchern, die Philosophie und Metaphysik enthalten. Die Essenz ist jedoch praktisch. Wir missverstehen, missdeuten, haben falsche Ideen und führen ein falsche Leben. Wir nehmen von der vorhandenen Aussenwelt jeden Gegenstand als ultimativ und opfern unser ganzes, langes Leben, es ist eine Lüge. Dies wird uns in dieser Sutra gesagt. Sehen sie die wahre Form, den swaroop. Wenn Sie dies tun, werden Sie die  Unterschiede erkennen.

 

 

 

Wenn wir nur reines Bewusstsein aufrechterhalten wollen, gibt es kein Problem, aber wir verlieren das und werden durcheinander gebracht. Und da ist unser Problem.“                                           Dr. Jayadev Yogendra                                                                                            

 

 

 

Was liegt den äusseren und inneren Spannungen zu zugrunde? Die eigentliche Ursache hierfür ist die Verbindung zwischen zwei Kräften (dem Sehenden und dem Gesehenen), auf der die ganze Existenz des Menschen beruht. Diese Tatsache ist sich der Mensch nicht bewusst.

 

Das Nichterkennen  dieser Verbindung  ist avidya, aus dem die leidvollen Spannungen entsprin­gen. Es ist die im Organismus wirksame Kontinuität des Nichtwissens, die zur fälschlichen An­nahme führt, dass der Mensch und sein Leib das „Sehende“ und alles andere „das Gesehene“ ist. Es ist ihm auch nicht bewusst, dass das „Sehen“ zwei Faktoren benötigt – den „Sehenden“ und das, was gesehen wird. Da sein Leib eindeutig zu der Kategorie des „Gesehenen“ gehört, kann er nicht der „Sehende“ sein. Wer ist dann der „Sehende“ wenn man von dem Körper und von allem, was man beobachten kann,  d.h. von dem Sichtbaren Objekt, absieht?

 

 

 


Wir bemühen uns, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Als Erstes werden wir inne halten. Nun trainieren wir Acht­samkeit  um die leidvollen Spannung der Ichverhaftung zu erkennen.

 

 

 

Die wachsende Achtsamkeit im Reinen Beobachten wird den Menschen empfänglich machen für die Belehrung, die aus den Dingen selber kommt. Dann werden die kleinen Dinge des Alltags und die einfachen vertrauten Vorgänge in der Natur zu Lehrern tiefer Weisheit werden. Sie werden allmählich ihre ganze Tiefendimension enthüllen und die höchsten Erkenntnisse des Erleuchteten künden. Wenn man langsam die die stille Sprache dieser kleinen und einfachen Dinge verstehen lernt, dann wird auch das Vertrauen in den eigenen Geist und seinen verborgenen Reichtümern wachsen.                                                                                                                          Nyanaponika

 

 

 

Erfahrungsgemäss sehen wir die Welt durch die Brille der Ichverhaftung. Wenn dieses verwirrte „Sehen“ zu wiederholtem Leid geführt hat, wird der Mensch erschüttert. Es gibt nur wenige, die sich dieser Erschütterung zu stellen vermögen und trotz neuer Erfahrungen von  Leid und Ver­zweiflung, sich nicht weiterhin auf dem alten Weg bewegen. Diejenigen, die es wagen dem Leid als Grundbedingung standzuhalten, begeben sich von neuem auf den Weg, auf die Suche nach Identität.

 

 

 

Der völlig neue Beginn setzt sich ab von der Vergangenheit. Der Mensch ist nun dukha (Leiden) ausgeliefert, als der unvermeidlichen Folge einer der Vergangenheit verhafteten und blinden Le­bensweise. Dukha wird nun zu dem „Gesehenen“ - dem  Endergebnis der Zeit und Zeitlichkeit. Dukha als die Agonie des Daseins selber wird nun zu dem einzigen Verbindungsglied zwischen ihm, dem „Sehenden“ und dem gesamten Dasein als dem „Gesehenen“. Der „Sehende“ und das „Gesehene“ müssen in zwei getrennte Daseinskräfte geteilt werden, die sie immer schon waren. Der durch die Ichverhaftung entstandene Kontakt muss als Wechselwirkung erkannt werden. Diese Erkenntnis führt  zu der Einsicht, dass die Ichverhaftung aufhören muss, damit die reine Anschauung möglich wird.

 

 

 

Es ist diese reine Anschauung oder Erkenntnis, die den Menschen zu einem Weisen, einem vive­kin macht. Viveka bedeutet unterscheidende Erkenntnis, Unterscheidungsvermögen, d.h. eine Einsicht, die immer fähig ist, zwischen dem „Sehenden und dem „Gesehenen“ klar zu unterschei­den, ohne sie zu verwechseln. Im Licht dieser existenziellen Einsicht leuchtet ein neuer Weg auf, eine neue Bewegung, die zur Lösung der Spannungen führt. Diese neue erleuchtende Bewegung wird in Sutra 10 als pratiprasava, ein Schwimmen gegen die Strömung bezeichnet.

 

Ein „Sehender“ ist einer, der bewusst ist, d.h. die gesamte objektive Welt als ein Produkt der Natur zu erkennen. Diese aussergewöhnliche Fähigkeit des Erkennens ist einmalig im Menschen gege­ben.

 

Es ist eine Macht oder Fähigkeit ohne jede Eigenschaft der Qualität oder Quantität, mit denen alle Gegenstände der Natur ausgestattet sind.

 

 

 

Der „Sehende“ kann nie das gesehene Objekt sein, noch kann er ein mit bestimmten Eigenschaf­ten versehenes konditioniertes Subjekt sein. Diese aussergewöhnliche Energie des Sehens ist fähig, zu den Wurzeln der objektiven Wirklichkeit vorzustossen.

 

Wenn jemand die innere Logik dieser Sutren versteht, wird er die Welt und sich selbst und die ständige Wechselbeziehung zwischen beiden mit neuen Augen sehen. Sein erster Blick wird dann auf abhinivesa fallen, das Endergebnis aller Spannungen. Er sieht dann, wie das Gefühl der eige­nen Wichtigkeit immer nach Verewigung strebt und dem Vergänglichen Dauer verleihen möchte.                                                                  

 

                                     P.Y. Deshpande (gekürzt und leicht modifiziert)

 

Yoga der Meditation - Sammlung, Freude und Einsicht

 

Liebende Zuwendung

„Die Vier unermesslichen Geisteshaltungen“

 

Alle Wesen

Mögen sie von Feindschaft frei sein.

Mögen sie von übler Behandlung frei sein.

Mögen sie von Sorgen frei sein.

Mögen sie ihr eigenes Glück beschützen.

Mitgefühl

Alle Wesen

Mögen sie von Leiden frei sein.

Mitfreude

Alle Wesen

Mögen sie von ihrem erlangten Glück nicht getrennt sein.

Gelassenheit

Alle Wesen

Sind die Besitzer ihrer Taten (kamma).

Erben ihrer Taten.

Geboren aus ihren Taten.

Welche Taten sie auch immer ausüben

für Gut oder Böse

sie werden die Erben davon sein.

                                                        Uebersetzung aus dem Pali

 

 

 

Karma und vier andere Gesetze

 

„Gibt es eine Maxime, die die Grundlage für alle Handlungen im Laufe des Lebens sein sollte? Sicherlich ist es die Maxime des Mitgefühls: Tu anderen nicht das an, von dem du nicht möchtest, dass man es dir zufügt.“

                                                                                                       Konfuzius

 

Gemäss der Lehre des Buddha gibt es im Kosmos Fünf Gesetze (fünffache Unvermeidlichkeiten), die in physischen und mentalen Bereichen funktionieren. Das Gesetz des karmas ist nur eine ursächliche Konditionalität, die mit vier anderen Faktoren zusammenspielt.

  

Die Fünf Gesetze (niyamas):

1. Physisches, anorganische Gesetz (utu niyama): Saisonale Veränderungen und Phänomene, die uns alle beeinflussen; Winde und Regen. Zum Beispiel sind Naturkatastrophen (Bergsturz, Ueberschwemmung usw) oder die Ursache eines Tsunamis, nicht karma.

 

2. Physisches organisches Gesetz (bija niyama); Das Gesetz der Samen oder Keime; Früchte, Pflanzen, Blumen, z.B. der von den Bienen herstammende, zuckersüsse Geschmack des Honigs. Dazu gehört viel­leicht die wissenschaftliche Theorie der Genen und Zellen, und die physische Aehn­lichkeit von Zwillingen.

 

3. Mentales Gesetz (citta niyama):  citta bedeutet „Geist“ und „Herz“. Das Gesetz des Geistes oder der Psyche, dazu gehören auch die vrttis (seelisch-geistige Vorgänge). Der wichtigste Faktor ist der Zustand des Geistes.

 

In den buddhistischen Lehren wird der Begriff der skandhas (Anhäufungen) erläutert. Der Geist ist hier eine Art von Geist, und Gedanken sind Objekte des Geistes, in gleicher Weise ist z.B. das Ohr ein Sinnesorgan und die Töne sein Objekt. Dies führt „gesetzmässig“ zum Hörbewusstsein – Kontakt – Gefühl.

 

4. Gesetz der Natur der Existenz (dhamma niyama);  Jegliches Phänomen könnte mit  den fünf Vorgängen oder Gesetzen erläutert werden. Zum Bei­spiel betrifft das physikalische Gesetz der Gravitation auch den ersten der fünf Fakto­ren. Dhamma niyama funktioniert immer, und zwar mit oder ohne der Existenz des Buddhas. Beispiele: Die unbeständige Natur der Dinge, das Unzu­längliche, das Insubstantielle, das abhängige Entstehen, die Ursache und die Bedingungen.

 

5. Gesetz des karma, Moralisch-ethische Ursache (kamma niyama). Unsere moti­vierten Tätigkeiten erzeugen eine Energie, die Auswirkungen hervorzubringen ver­mag: Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Tätigkeiten erzeugen dem ent­sprechend gute und schlechte Ergebnisse. Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein kosmisches Gerichtsurteil und auch nicht um Belohnung und Schuldzuweisung.

 

Karma ist also nur ein Gesetz im mächtigen Universums. Es funktioniert in seinem eigenen Bereich, ohne Intervention einer äusseren, unabhängigen Agentur. Zum Beispiel verordnet niemand, dass Feuer brennt, dass Wasser seinen eigenen Weg sucht, usw. Denn dies sind intrinsische Eigenschaften. Karma betrifft unsere eigene, beabsichtigte Tätigkeit. Und karma ist sowohl das weiterleitende als auch das ausglei­chende, gerechte Prinzip.

Die Theorie des karma gibt moralischen Mut, Selbstständigkeit, Trost und Selbstver­trauen, da es individuelle Verantwortung vermittelt.

 

Bemerkung: Momentan, gegebene Bedingungen sind das Ergebnis zahlloser Faktoren, die stän­dig in Bewegung sind. Die Dinge, wie sie sind, können nicht auf einer einzigen Ursa­che beruhen.

 

Karma ist schwierig zu erklären: Nur manche Arahats (Verwirklichung des nibbana) und Buddha können dies erläutern. Der Buddha sagt, dass der Bereich des karmas undenkbar ist.

                                                                                                                          25. Mai 2019